#3 Viel Gesicht, wenig Sonnenaufgang: Papas erster Instagram Live-Stream

Wann steht der Durchschnitts-Deutsche an einem Sonntagmorgen auf, nachdem er sich am Vorabend schön ein paar süffige Lillets gegönnt hat? Richtig: um 5:55 Uhr.
Denn für das perfekte Instagram-Sonnenaufgang-ich-war-dabei-Bild ist keine Uhrzeit zu früh.
Nein, es war NICHT meine Idee, sondern die von meinem Frühaufsteher Papa.

Ich habe es nicht für möglich gehalten, doch ich glaube, es hat ihn erwischt: Er ist süchtig nach dem frischen Wind, den leeren Straßen und dem lauten Vogelgezwitscher am frühen Morgen.
Wie man bei uns so schön sagt: „Ihm droppt de Orsch“ , wenn es um den frühen Morgenspaziergang bei Sonnenaufgang geht (glaubt mir, eine Übersetzung dieses einheimischen Ausdrucks ist nicht möglich).

Als er am Samstag Nachmittag also auf die geniale und innovative Idee kam, einen Live-Stream vom Sonnenaufgang für seine Community – dazu zählen stolze 161 Follower! – zu machen, war ich Feuer und Flamme. Ich wollte schon immer mal ausprobieren wie es ist, in ein Handy zu reden. Selbstgespräche führe ich schließlich auch schon täglich und ich fände es zur Abwechslung mal schön, wenn zumindest weitere Zuschauer sich daran beteiligen würden. Na gut.

Zu einem Live-Stream gehört natürlich eine vorabendliche Ankündigung. Warum hierbei lang um den heißen Brei reden: „Live Stream zum Sonnenaufgang mit Mimschke und Franky morgen hier auf dem Kanal“ – ja mega, oder?

Die beigefügte Umfrage zeigte jedoch ein vernichtendes Urteil: 74% der Beteiligten wollten lieber ihr Gesicht um diese Zeit weiter ins Kissen drücken und in der Traumwelt Luftschlösser bauen. Nicht mit uns!

Mimschke und Franky im ersten Instagram Live-Stream

Der Sonntagmorgen kam schneller als erwartet und kurz flüsterte eine leise Stimme: „Ach, bleib doch noch liegen. Dein Papa ist der geborene Entertainer, der packt das auch alleine mit dem Live-Stream“. Doch die vernünftige Seite schaltet sich gleich mit ein: „Ohje bloß nicht! Der wird Dich eh gleich wecken, weil er gar nicht weiß, wie er den Live-Stream angeschaltet bekommt.“

Okay 1:0 für den Streber. Und weil man ja wirklich nicht bei einem Live-Stream so ohne Make-up und mit der Brille-für-Bett-und-Bad gesehen werden darf, kam auch gleich noch eine Tonne Schminke vor dem großen Auftritt aufs Gesicht. Spannend, dass man so innerhalb von 5 Minuten von den Toten auferstehen kann. Da haben wir Frauen echt einen Vorteil!

Papas zerknautschtes Gesicht strahlt währenddessen über beide Backen: „Fertig?“, die Vorfreude auf seinen großen Moment war ihm deutlich anzusehen. Mensch, das wird ein Fest!

Dabei hatten wir völlig vergessen, wie spät es bereits war. Also nichts mit entspanntem Hinlaufen aufs Feld, Handy einschalten und Live-Stream starten. Nein.
Vielmehr war es ein Schnapp-Atmungs Wettrennen gegen die Zeit und damit dem Sonnenaufgang. Zum Glück war es noch zu kalt für einen roten Schädel – das wäre nun wirklich blöd für den Live-Stream gewesen.

„Und wie geh ich jetzt live?“, schon direkt nach 4 Schritten fummelte Papa hektisch an seinem Handy herum. Gut, dass wenigstens ein Experte hier am Start war, denn kurze Zeit später konnte jeder unseren schnellen eleganten Walk durch die Straße mitverfolgen. Oder etwa nicht?

Wer braucht schon das perfekte Timing für einen Live-Stream?

„Wo seh ich denn jetzt die Zuschaueranzahl?“, war Papas erste Frage, nachdem er sich ausführlich im Selfie-Modus vorgestellt hatte.
„Die steht ganz rechts oben – oh.“, Stille. Das war die Trauersekunde für die 0 Follower.
Doch von so einem schwachen Start ließen wir uns nicht entmutigen.

Wir quatschten fröhlich mit dem roten Handy von Papa, während wir die letzten Meter zur Anhöhe liefen. Schon seltsam in so ein Ding zu sprechen. Und doch fühlte ich mich kurz der Influencer-Gemeinde zugehörig.
Und dann der große Moment auf den die gesamten Follower voller Spannung gewartet hatten: Der Sonnenaufgang.

„Und wie viele Zuschauer haben wir jetzt?“, Stille. Die Peinlichkeit war nicht zu überbieten. Papas Augen tränten bereits, doch ich glaube, es hatte eher etwas mit der klirrend kalten Luft zu tun, anstatt der Tatsache, dass wir immer noch die Einzigen waren, die hier auf diesem Berg standen und gebannt den Aufgang verfolgten. Wobei, im Nachhinein betrachtet ist uns aufgefallen, dass unsere Aufnahme sowieso ständig in die falsche Richtung gezeigt hatte – nix mit Sonnenaufgang. Es wollte einfach nicht löppen bei uns.

Man muss auch die kleinen Erfolge feiern

Nach 5 Minuten purer Ekstase und Selbstinszenierung war der Live-Stream beendet. Das Resultat: Auf Papas Community ist einfach kein Verlass. Wo waren denn die 26%, die gestern noch in der Umfrage frech behauptet haben, sie wären live dabei? Pff.

Aber wer meinen Papa kennt, der weiß, dass Traurigkeit oder Enttäuschung ein Fremdwort für ihn sind. Stattdessen strahlte er weiter und meinte: „Nächstes Mal machen wir das einfach noch mal.“ Genau Papa.

Wir waren richtig gut drauf, als wir den schönen Waldweg zurück zum Haus liefen. Es war mittlerweile 7:30 Uhr und die Straßen im Ort immer noch leer – doch unsere Herzen reich gefüllt mit Sonnenschein und dem Wunsch, irgendeinmal einen Live-Stream mit mindestens einem Zuschauer zu schaffen.